Warum Autor*innen gendern sollten

Warum Autor*innen gendern sollten

11. April 2021

Hier wird gendert: Ende der Durchsage

Es ist noch gar nicht so lange her, da fand ich gendern überflüssig. Ich hatte nichts dagegen, aber das Ganze kam mir wahnsinnig konstruiert und gestelzt vor. Abgesehen davon fühlte ich mich als Frau durch das generische Maskulinum nicht ausgeschlossen. Generisch bedeutet ja schließlich, dass alle einbezogen sind. Oder nicht? 

Gib mir einen Moment, meinen eigenen Weg zum Gendern herzuleiten und zum Punkt zu kommen. Eines aber gleich vorab: Sprache bestimmt Realität. Das ist wissenschaftlich gut erforscht und belegt. Dabei gibt es im seriösen wissenschaftlichen Bereich keinen Zweifel daran, dass das generische Maskulinum andere Geschlechter ausschließt. Auch hierzu später mehr. 

Wie schon gesagt, fühlte und fühle ich mich auch immer noch nicht vom generischen Maskulinum ausgeschlossen. Vermutlich, weil ich nie offenkundige Benachteiligung in irgendeiner Form erfahren habe. Was wiederum nicht heißt, dass ich nicht benachteiligt wurde. Das war durchaus der Fall. Das habe ich aber eben erst im Rückblick bemerkt. Mein Bewusstsein wurde das erste Mal geschärft, als ich von der Studie von Stöger, Ziegler und David aus 2015 erfahren habe. Die Wissenschaftler gaben ihren Proband*innen in ihrer Studie folgendes Rätsel auf: 

Warum das generische Maskulinum nicht funktioniert

„Ein Vater und sein Sohn fahren gemeinsam im Autor und haben einen grässlichen Autounfall. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren und sofort in den Operationssaal gebracht. Der Arzt besieht ihn sich kurz und meint, er müsse eine Koryphäe zu Rate ziehen. Diese kommt, sieht den jungen Mann auf dem Operationstisch und meint: „Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.“

Wie ist das möglich? Die Lösung ist einfach: Bei der Koryphäe handelt es sich um die Mutter des verunglückten Kindes. In der Studie zeigte sich, dass nur rund ein Drittel der Studienteilnehmer*innen das Rätsel lösen konnten. Und, was soll ich sagen? Ich bin, als ich das erste Mal davon hörte auch nicht drauf gekommen. Das hat mich als Frau ziemlich entsetzt. Denn im Grunde bin ich ja direkt betroffen und komme nicht drauf. Jetzt zu schlussfolgern, dann könne es ja nicht so schlimm sein, liegt vielleicht nahe, ist aber falsch. Denn, es geht viel mehr um Gewohnheit. Nämlich um Lebens-, Denk- und damit auch Sprachgewohnheiten. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es wir uns in der Regel im generischen Maskulinum ausdrücken. Einfach weil unsere Sprache eine jahrelange Entwicklung hinter sich hat und die Gleichstellung von anderen Geschlechtern (ja es sind eben nicht nur die Frauen) da noch lange nicht mithalten kann. Die Gleichberechtigung von Frauen ist ja auch noch nicht wirklich lange im Gesetzt verankert und im beruflichen Bereich ist sie im Großen und Ganzen auch noch nicht angekommen. Von binären Personen mal ganz zu schweigen.

Die Ausführung, dass man unter „Ärzte“ selbstverständlich auch „Ärztinnen“ verstünde, mag vielleicht vordergründig für einzelne stimmen, aber eben nur vereinzelt und nur sehr vordergründig. Denn wenn dieses Verständnis wirklich Tiefe besäße, dann würde man in der Konsequenz ja auch von Kosmetikern, Krankenbrüdern, Putzmännern und Arzthelfern sprechen … Im umgekehrten Fall wäre die weibliche Assoziation bei Spionen, Terroristen und Zimmerleuten natürlich auch selbstverständlich … Mal Hand aufs Herz: Wirklich?

Warum uns gendern schwer fällt

Das ist grundsätzlich ja auch alles überhaupt nicht schlimm. Denn schließlich sind wir, ich mit meinen knackigen 50 Lenzen auf jeden Fall, so aufgewachsen. Sprache und Umfeld haben wir so gelernt. Und im Grunde fahren wir ja auch gar nicht so schlecht damit. Aber wenn uns auffällt, dass manche Gewohnheiten eben doch nicht so supi sind, dass ist es Zeit, etwas daran zu ändern. Aber daran hat unser faules Gehirn überhaupt kein Interesse. Denn Gewohnheiten zu ändern bedeutet vor allem eines: Energieaufwand und neues Lernen. Als Energiesparfuchs, wittert unser Hirn natürlich sofort, worum es geht und packt uns erst einmal jede Menge, teilweise auch sehr differenzierte Ausreden auf den Schirm. Wer schon mal versucht hat abzunehmen, mehr Sport zu treiben oder gar mit dem Rauchen aufzuhören weiß wovon ich spreche. Es ist für das Gehirn nämlich wesentlich weniger aufwendig, eine der üblichen Ausreden auf die aktuelle Situation umzuschreiben, als sich ernsthaft mit einer neuen Gewohnheit zu befassen. Also bombardiert es uns mit guten Argumenten, warum das mit dem Gendern ja wohl doch nicht unbedingt sein muss. Bumms: jede Menge Energie gespart.

Gendern1

Der nächste Punkt, warum wir mit dem Gendern ein Problem kriegen könnten ist, dass es unsere Persönlichkeit angreift. Häh? Wie das denn? Das ist tricky, denn das geschieht auf der Metaebene. Denn in der Frage „Warum genderst Du nicht?“ verbirgt sich auf der Metaebene ein versteckter Vorwurf. Nämlich der Vorwurf, dass man Gleichberechtigung nicht ernst genug nähme oder noch schlimmer sogar sexistisch sei. Ich persönlich kenne wenig Menschen, die mit so einem Vorwurf kein Problem hätten. Selbstverständlich sind wir nicht sexistisch. Keine Frage … Der Mechanismus der jetzt greift ist die Verteidigung des Selbstbildes. Also des Bildes bzw. Eindrucks, den wir von uns selbst haben. Und da wir uns ja in der Regel für fair und geschlechtergerecht halten, schalten wir in den Verteidigungsmodus. Das alles läuft auf der Metaebene also unbewusst ab. Übrigens geschieht dies bei den allermeisten Veränderungsprozessen. Ein typischer Selbstbildverteidigungssatz ist auch „Das haben wir schon immer so gemacht“. Das ist in der Regel kein Satz von ewig gestrigen, sondern viel mehr die Frage, ob man nicht mehr gut genug ist … Das Fatale: Die Antwort lautet fast immer „Nein, Du bist nicht mehr gut genug …“ weil auch denen, die die Veränderung anstoßen oft nicht bewusst ist, welcher Prozess dahinter steckt … So ist es auch beim Gendern. Klar gibt es auch ein paar sexistische Arschgeigen, die einfach nur so weiter machen wollen wie bisher. Das ist aber nicht die Mehrheit. Auch wenn ich gerade lerne konsequent zu gendern, halte ich niemandem vor, es nicht zu tun. 

Gendern2

Und damit komme ich zum letzten Punkt: Lernen ohne Klugpupsen und ohne erhobenen Zeigefinger zulassen. Lernen ist schon schwer genug. Wer also bereit ist, seine Gewohnheiten in Frage zu stellen und sich immer wieder an den Speck wagt, hat meinen größten Respekt. Mein Tipp: Gib Dir die Erlaubnis Fehler zu machen. In meinem Buch „Von der Idee zum Sachbuch“ war ich noch sehr inkonsistent. Im nächsten Buch ist es hoffentlich besser und so taste ich mich von Text zu Text, von Buch zu Buch. Auch sprachlich bin ich in meinem Podcast stets bemüht, die Genderpause durchzuziehen. Mein Vorbild dabei ist aktuell Dunja Hayali: Chapeau!

Darüber hinaus lasse ich mich auch nicht von blöden Kommentaren aus der Ruhe bringen. Zum einen weiß ich ja, woher sie kommen und zum anderen erlaube ich mir auch, mich eine Weile darüber zu ärgern und zu motzen. Denn bei allem Verständnis habe ich dann doch keine Lust, meine Expertise deswegen in Zweifel ziehen zu lassen. Da hört der Spaß dann bei mir wirklich auf. 

Enden möchte ich mit dem Hinweis aus „Richtig gendern für dummies“ von Lucia Clara Rocktäschel: „Die richtige Art zu gendern gibt es nicht“ In diesem Sinne: Vielen Dank für die vielen Hinweise, die mich bisher zu dem Thema erreicht haben. Es freut mich, dass so viele von Euch über dieses Thema nachdenken und es bereits umsetzen. Weiter so!

Hier noch ein Artikel zum Thema aus der Süddeutschen als Empfehlung zum weiterlesen!  

8 Kommentare

  1. Ich gendere auf keinen Fall. Mir geht es nicht um die Sache an sich – alle Menschen sind gleich und verdienen denselben Respekt – aber nicht auf Kosten von anderen. Hier wird wieder eine weitere Mauer aufgezogen, diesmal aus der Intellektuellen-Blase und die Genderpause ist schier unerträglich. Der brutale Ehrgeiz geht dann sogar soweit, dass man von Mitglieder PAUSE innen spricht. Das kann nicht angehen. Man richtet damit sehr viel Unheil an, dass man am Ende nicht mehr auf diese Arroganz, von oben herab etwas ins Volk zu drücken, zurückführen kann. Es ist nicht zum Aushalten

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    • Das bleibt Dir ja auch überlassen. Ich finde es völlig okay, wenn Du Dich dafür entscheidest. Ich habe mich für das Gendern entschieden, weil mich die Studienergebnisse dazu einfach überzeugt haben. Sprachlich schön finde ich es aktuell auch noch nicht, da es auch für mich immer noch mega ungewohnt ist. Und ich kann auch verstehen, wenn man sagt, dass man mit dem generischen Maskulinum alle Menschen meint. Ist ja generisch. Das Blöde daran ist nur, dass die Bilder, die wir im Kopf durch diese Sprache erzeugen, eben noch nicht generisch sind … Man könnte ja auch das generische Femininum benutzen. Funktioniert aber auch nicht … Ich bin selbst auf die Entwicklung gespannt. Und bisher wird ja auch nichts von oben herab ins Volk gedrückt. Aber eine Entwicklung – so oder so – wird statt finden. Denn Sprache ist extrem lebendig und passt sich der Realität und dem Zeitgeist an. Ich für meinen Teil kann das gut aushalten und bin gespannt, wo die Reise hin geht.

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  2. Ich bleibe bei der Form: Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Anschreiben (dienstlich) auch K`un K, oder liebe Damen und Herren. Wenn es praktisch ist , benutze ich auch das Sternchen. Es kann von mir aus jeder machen, wie er es möchte, das penetrante und arrogante Auftreten mancher * Prediger nervt mich allerdings sehr. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass verordnete Sprache einfach massive Widerstände herausfordert und damit dem wirklichem Ziel entgegensteht. PS: Gendern bewahrt keine Frau vor häuslicher Gewalt oder vor sexueller Belästigung und verhindert keinen Fall von Zwangsprostitution. Das echte Kampffeld liegt woanders. Ich habe nichts gegen das Sternchen, gebrauche es doch gerne, ich bin recht ideologiefrei. 🙂 Viele Grüße

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    • Dienstlich finde ich die Anrede auch super. Nichts desto trotz schließt diese Anrede ja immer noch Personen aus. Über kurz oder lang werden sich Unternehmen damit befassen müssen und einige tun dies ja bereits.

      Was das Predigen angeht: Das nervt mich auch. Auch wenn die Überschrift meines Blogs provokanter ist. Ich denke, alle sollen für sich entscheiden. Umgekehrt ist es übrigens genauso. Ich war doch erstaunt, wieviele Menschen mich wegen des Genderns angehen. Sehr interessant 😉

      Häusliche Gewalt ist für mich ein völlig anderes Feld, dass mit Gendern nix zu tun hat.

      Vielen Dank für Deinen Beitrag und viele Grüße
      Anja

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  3. Hallo Anja,

    die Arztgeschichte ist aus einem Film des Jahres 1984 und wird da schon als überholt verspottet. Ich dachte auch schon damals, dass dies so richtig nur im Englischen funktionieren kann.

    Frau Rocktäschel variiert die Geschichte; Praktikantin Daria soll Professor Schneider anrufen und – che sorpresa! – »der« Professor ist eine Frau!
    Vielleicht durfte Daria bisher nur Kaffee kochen, sonst hätte sie schon gewusst, wen ihr Chef interviewen will. Im Übrigen halte ich das Missverständnis für harmlos; wirklich schlimm wäre es, wenn weibliche Professoren verboten wären.

    Geht’s noch ein bisschen billiger? So führt eine Sachbuchautorin einen Beweis? Auf diesem Taschenspielertrick baut das Gendern auf?
    Wo ist übrigens das generische Maskulinum? »Koryphäe«? Das ist ein generisches Femininum; der Satz ist ein gutes Beispiel dafür, dass man hier und da, aber eben nicht immer, noch eine Information mehr braucht.

    Oder auch nicht; bei Rocktäschels »Freunde[n] in der Sportbar«, bei ihrem «Kollegium eines Kindergartens« habe ich meine Assoziationen, ein anderer hat andere. Ja, und?

    Unabhängig davon: »Gib Dir die Erlaubnis Fehler zu machen.«
    Ja, aber bei exponierten Textstellen (Überschrift) sollte man schon genau hinsehen (lassen):
    »Hier wird gendert« Äh?
    »Mit „In 5 Schritten zum Sachbuch“, dem kostenlosen Workbook mit konkreten Tipps Deinen Schreibprozess«
    Darf ich – das ist jetzt nicht sarkastisch gemeint – mal ein bisschen lektorieren?
    Liebe Grüße
    neuleerer.blog

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    • Moin lieber Victor,

      es geht in dem Beispiel ja nicht um die Arztgeschichte und wer sie verspottet, sondern um die Studie in der sie genutzt wurde und welche Ergebnisse erzielt wurden. Damit stimmt die Prämisse des Taschenspielertricks meiner Ansicht nach nicht. Aber nett durchargumentiert, wenn auch nicht treffend 😉

      Und: Ja! Sehr gern lektorieren, wenn Du die Zeit findest! Ich bin halt keine Rechtschreibqueen. Anmerkungen gern per E-Mail.

      Beste Grüße zurück 🙂

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  4. Ihr Kommentar wartet auf »Modertaion.«
    Diese Kritik bitte nicht veröffentlichen.
    Aber korrigieren Sie bitte; es tut geradezu weh!
    LG

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    • Uuuups … Zu spät …

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Anja Niekerken

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